Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Von Marsianern, Umweltkatastrophen und der Kolonialisierung der Erde

Von Marsianern, Umweltkatastrophen und der Kolonialisierung der Erde

Wissenschaftlerteam der Ruhr-Universität Bochum erforscht Zukunftsromane der 1920er- und 1930er-Jahre.

Forschungsprojekt: Der verdichtete Raum. Sprache, Text und weltanschauliches Wissen in deutschsprachigen Zukunftsromanen der 1920er- und 1930er-Jahre

Die 1920er- und 1930er-Jahre waren in Deutschland die Periode des Wundenleckens nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs. In diesen turbulenten Zeiten kämpften politische Kräfte von links und rechts um die Führung im Land. Doch die Zwischenkriegszeit war auch das goldene Zeitalter der deutschsprachigen Zukunftsromane, von denen die meisten heute in Vergessenheit geraten sind. Dr. Kristin Platt am Institut für Diaspora- und Genozidforschung und Monika Schmitz-Emans, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, wollen das ändern.

Sie beschäftigen sich seit April 2017 mit Marsianern, schleimigen Monstern und Weltuntergangsszenarien. In einem Team von neun Wissenschaftlern untersuchen sie mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung rund 500 Zukunftsromane der 1920er- und 1930er-Jahre. Sie hoffen, in den Romanen Hinweise darauf zu finden, wie die deutsche Gesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen dachte, was die Deutschen sich wünschten, wovor sie Angst hatten und auch, welche gesellschaftlichen Strömungen den Aufstieg der Nationalsozialisten ermöglichten.

Aber: Ziel der Studie ist es nicht, aus den Romanen geschichtswissenschaftliche Aussagen über den Zustand der deutschen Gesellschaft zu machen. Denn Romane sind eine literarisch-ästhetische Interpretation der Welt – kein Abbild der Realität. Das Projekt will eine diskurs- und wissenstheoretische Analyse der Romane in Beziehung zur Mentalitätsgeschichte der Zwischenkriegszeit setzen, erklärt Prof. Schmitz-Emans: „Wir möchten die Welt der Literatur untersuchen, um auch die historische Welt ein wenig besser zu verstehen“, sagt Prof. Schmitz-Emans. „Wir glauben, dass viele Autoren von Zukunftsromanen damals Dinge dachten, die größere Kreise von Deutschen und anderen Europäern beschäftigten. Ihre Romane spiegeln allgemeine Diskurse wider.“ Dr. Platt ergänzt: „Wir sehen in diesen Romanen eine Suche nach dem Wissen dieser Zeit. Wo stehen wir? Was bedeutet überhaupt Zukunft?“ Diese Überlegungen spiegeln das allgemeine Gefühl der Krise, Unsicherheit und Instabilität wider, das Deutschland damals umgab. „Die damalige Generation suchte für sich einen Ort“, sagt Platt.

Die Literaturwissenschaftlerin Prof. Monika Schmitz-Emans (l.) und die Sozialwissenschaftlerin Dr. Kristin Platt teilen eine Leidenschaft für Science-Fiction. (mp4)

Kern des Projekts ist eine Korpus-Studie, in der die Romane in einer Datenbank hinsichtlich ihrer Autoren und Themen systematisiert und klassifiziert werden. Mit Inhaltsangaben und Informationen zu den Autoren sollen die Romane für andere Forscher so besser zugänglich gemacht werden. In einer Projektgruppe tauschen sich die beiden mit den anderen engagierten Wissenschaftlern aus. Die Beteiligten neben Dr. Platt und Prof. Schmitz-Emans sind: Dr. habil. Monika Bednarczuk, Literaturwissenschaft, Dr. Medardus Brehl, Prof. Mihran Dabag, Prof. Peter Goßens, Prof. Dr. Lucian Hölscher, Anna-Lena Rehmer, Fynn-Adrian Richter und Dr. Lasse Wichert.

  • Seit April 2017 trifft sich die Projektgruppe um Platt und Schmitz-Emans einmal im Monat, um ihre Ergebnisse zu diskutieren und neue Ideen auszutauschen.

    Projektgruppe

Seit Beginn des Projektes im April 2017 trifft sich diese Projektgruppe einmal monatlich, um zu diskutieren, sich auszutauschen und gemeinsame Schwerpunkte zu entwickeln. Es sollen mehrere Monografien zu den unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten entstehen, zudem bieten die Mitglieder der Projektgruppe an der Ruhr-Universität Bochum Seminare für Studierende an, in denen es um Themen und Gegenstände des Projekts geht.

Marsianer, die den Planeten Erde kolonialisieren, als Spiegelbild der Gesellschaft
  • In Romanen wie „Krieg im All“ von Stanislaus Bialkowski (1935) wird die NS-Ideologie schon auf den ersten Seiten deutlich erkennbar.

    Krieg im All 2

Aber womit haben sich Romanautoren der 20er und 30er in Deutschland beschäftigt? „Es geht um Krieg, Überleben, Kampf der Zivilisationen, Lebensformen der Zukunft und Fragen der Technologie und des Zusammenlebens“, sagt Monika Schmitz-Emans. Dabei reichen die Weltanschauungen der Autoren von hart rechts bis hart links: „Es gibt Romane, die deutlich mit rassenpolitisch- und NS-politischen Kategorien arbeiten. Teils gezielt, teils eher unterschwellig“, sagt Prof. Schmitz-Emans. Viele Romane sind gar durchsetzt von Denkmustern der Nationalsozialisten. Im Roman „Krieg im All“ von Stanislaus Bialkowski (1935) zum Beispiel begrüßen sich die Erdenbewohner direkt auf den ersten Seiten des Buches mit „Heil Terra“. Denkmuster von Rassen, die miteinander um die Vorherrschaft auf der Erde ringen, sind hier besonders ausgeprägt. „Wir haben es öfter mit Dingen zu tun, die man nicht immer gerne liest“, sagt Schmitz-Emans. „Zum Beispiel, wie die Menschen damals geredet und gedacht haben.“

Ein weiteres von solch unangenehmen Themen sei zum Beispiel der „Landgewinn“ zur Erschließung neuer Wirtschaftsräume und Nahrungsressourcen. In wenigen Romanen wird dieser kritisch reflektiert, indem die verheerenden Folgen deutlich werden, erklärt Schmitz-Emans. In deutlich mehr Romanen werden koloniale Praktiken jedoch positiv konnotiert. Auch hierfür dient „Krieg im All“ von Bialkowski als gutes Beispiel: Auf dem Mars werden die Ressourcen und Atemluft knapp. Die Marsianer suchen deshalb nach einem neuen Lebensraum und planen, die Erde zu kolonialisieren. Es folgt ein erbitterter Krieg zwischen der Erde und dem Mars sowie zwischen unterschiedlichen „Rassen“ auf der Erde. Was sagt das über das Weltbild der deutschen Gesellschaft aus? „Das ist eine Gewaltphantasie, in der sich die Auseinandersetzung mit eigenen kolonialistischen Praktiken manifestiert“, sagt Schmitz-Emans. „Dass die Marsianer die Erde besiedeln wollen, weil sie bald keinen Sauerstoff mehr haben und neue Lebensräume benötigen, ist ein Bestandteil des Denkstils von Kolonialismus.“ Diese Denkfiguren werden laut der Literaturwissenschaftlerin in den Zukunftsromanen häufig auf andere Lebewesen wie Marsianer projiziert. „Die Autoren haben in den Romanen die Möglichkeit, menschliche Figuren mit solchen Anderen im Krieg und im Frieden oder im Kampf und in der Liebe zusammentreffen zu lassen. So entwickeln sie ein Spiegelbild von sich selbst.“

Verbreitetes Denkmuster: Der Zukunftskrieg
  • In „Krieg im All“ ist der Titel Programm: Hier bekämpfen sich Erdenmenschen und Marsianer um die Vorherrschaft auf dem Blauen Planeten. Aber auch die Menschen untereinander liefern sich erbitterte Schlachten.

    Krieg im All 1

Eine weitere Gemeinsamkeit vieler Romane ist die Gewissheit der Autoren, dass es zu einem zweiten Weltkrieg kommen muss. „Es gab damals eine Sicherheit in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, dass es diesen nächsten Krieg geben wird, dass er notwendig ist und dass er in jedem Fall ein Massenvernichtungskrieg wird“, sagt Platt. „Daran zeigt sich, dass in unseren Romanen offene Fragen an die Gesellschaft formuliert werden, die der Nationalsozialismus dann beantwortet hat.“

Der Projektmitarbeiter Dr. Lasse Wichert forscht in der Projektgruppe speziell zum Thema Zukunftskrieg. Er hat sich intensiv mit etwa 50 Romanen beschäftigt, deren Autoren die gemeinsame Überzeugung haben, dass es in jedem Fall zu einem zweiten Weltkrieg kommen wird. Dieser Gedanke verbindet Rechte und Linke der Zwischenkriegszeit, sagt Wichert: „Auf Seiten der Rechten kann sich das deutsche Volk nur vor diesem äußeren Feind nach Innen konsolidieren.“ Dieser Krieg sei als die einzige Chance für das Volk angesehen worden, zu sich selbst zu kommen und eine homogene Gemeinschaft zu etablieren. „Es brauchte einen äußeren Feind, der bekämpft werden muss, damit die Deutschen ihre inneren politischen Gräben überwinden können“, erläutert Wichert. Die deutsche Linke hingegen sei sich einig gewesen, dass ein zweiter Weltkrieg als imperialistischer Krieg nicht zu verhindern sei. „Und zwar, weil dieser Krieg laut der leninistischen Theorie die direkte Konsequenz der kapitalistischen Lebensweise ist“, erklärt Wichert. „Laut ihnen ist es erst nach diesem Krieg möglich, eine friedliche Gesellschaftsordnung zu etablieren.“

Warnungen vor Umweltzerstörung in „Feuerseelen“
  • Noch heute lesbar: „Feuerseelen“ von Annie Harrar (1920) ist eine Warnung vor der Zerstörung des Planeten durch verheerende Ressourcenwirtschaft.

    Feuerseelen 2

Während Bücher wie „Krieg im All“ oder „Achtung Ostmarkenrundfunk! Polnische Truppen haben heute Nacht die ostpreußische Grenze überschritten“ (Hans Martin, 1932) aufgrund ihrer Weltanschauung heutzutage kaum für den Massenmarkt in Frage kommen, gibt es jedoch auch Zukunftsromane der Zwischenkriegszeit, deren Themen heute aktueller denn je sind. Eines dieser Beispiele ist „Feuerseelen“ von Annie Harrar. Die Medizinerin und Biologin veröffentlichte 1920 einen Roman, der sich schon damals mit einem Thema beschäftigte, das heute die Medien und unser Denken bestimmt: die Frage ökologischer Katastrophen durch mangelnde Ressourcenwirtschaft.

In Harrars Zukunftsvision wird die Welt von rund 300 Großstädten bestimmt, die so groß sind, dass sie nur noch mit Nummern gekennzeichnet werden (z.B. Weltstadt A15). Die gesamte Industrie dieser Städte ist in den Untergrund der Erde verlagert worden. Diese völlig industrialisierte Welt hat ein Ressourcenproblem: Atemluft muss künstlich aufbereitet werden; Fleisch und Gemüse werden synthetisch mit einer Maschine aus Stickstoff produziert. Aus dieser zerstörerischen Ressourcenwirtschaft entstehen neue Geschöpfe, die in den Tiefen der Erde schlummern: Feuerseelen. Blau-rot glänzende, gallertartige Wesen, die den letzten Lebensatem aus den Menschen ziehen, um selbst zu überleben. Die Umwelt außerhalb der großen Städte fällt den Monsterwesen zuerst zum Opfer. Dorfbewohner und Tiere ersticken, dann geraten die großen Metropolen der Welt in Brand und die Welt gerät durch eine gewaltige Katastrophe in einen Urzustand. „Das ist wirklich ein auffälliger Roman, da er wirklich nicht politisch ist, sondern ökologisch-politisch“, sagt Platt. „Man hat da eine Denkfigur, die auch heutzutage noch nicht abgelegt ist, nämlich die Vorstellung, dass wenn man die Erde über das gesunde Maß hinaus ausbeutet, sich die Erde rächt“, erklärt Prof. Schmitz-Emans und meint: „Das würden heute auch noch viele so lesen.“