Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Neue Erkenntnisse zum jüdischen Kalender

Neue Erkenntnisse zum jüdischen Kalender

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus München und London rekonstruierten, editierten und übersetzten Schriften zum jüdischen Kalender von Saadya Gaon – einem der wichtigsten jüdischen Gelehrten des neunten und zehnten Jahrhunderts. Die Recherche an lang verloren geglaubten Textfragmenten hat erstaunliche Erkenntnisse zum jüdischen Kalender zutage befördert.

Das Team (v. l.): Prof. Sacha Stern (UCL London), Dr. Nadia Vidro (UCL London) und Prof. Ronny Vollandt (LMU München) im Interview, Video (mp4, 12:53 Minuten)

Wer legt fest, wie der Kalender aussieht, der unser alltägliches Leben ordnet? Die Antwort auf diese Frage wird bei den meisten Jüdinnen und Juden, die unter arabischer Herrschaft an der Schwelle vom 9. zum 10. Jahrhundert lebten, unterschiedlich ausfallen. Eine wichtige und kontroverse Stimme in der Beantwortung war Saadya Gaon. Ein Team von Forschenden der Ludwig-Maximilians-Universität München und des University College London bringt nun neue Einblicke in die Schriften eines der wichtigsten jüdischen Gelehrten.

  • Prof. Ronny Vollandt, Prof für Judaistik und Leiter der Münchner Forschungsstelle für jüdisch-arabische Kulturen. Vollandt leitete das Projekt und beschäftigte sich hauptsächlich mit der Person Saadya Gaons und dem kulturellen und historischen Kontext des Judentums im 9. und 10. Jahrhundert.

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  • Prof. Sacha Stern, Professor für Judaistik am University College London. Stern ist Experte für jüdische Kalenderrechnung und analysierte, welche Bedeutungen Saadya Gaons Äußerungen zum Kalender für die Wissenschaft des 9. und 10. Jahrhunderts hatten und in welchem Kontext sie standen.

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  • Dr. Nadia Vidro, Research Fellow am University College London. Vidro übernahm die Aufgabe, Fragmente von Saadya Gaons Werken und Zitate anderer Autoren über Saadyas Werke in Handschriftensammlungen wie der Kairoer Geniza oder den Firkovich Sammlungen in St. Petersburg zu finden, zu rekonstruieren, zu edieren und ins Englische zu übersetzen.

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Jüdisches Leben im 9./10. Jahrhundert
  • Islamische Expansion bis 750 (Infografik, Wikimedia Commons)

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Zum Ende des neunten Jahrhunderts lebten knapp 90 Prozent der Jüdinnen und Juden weltweit unter muslimischer Herrschaft. Nach den islamischen Eroberungszügen hatte um die Jahrhundertwende vom neunten zum zehnten Jahrhundert das Kalifat der Abbasiden nicht nur Nordafrika, sondern den gesamten östlichen Mittelmeerraum, die arabische Halbinsel und Zentralasien fest im Griff.

Menschen jüdischen und christlichen Glaubens konnten – insofern sie eine Kopfsteuer, die sogenannte „Jizya“ zahlten – ihre Religion, Sprache und Kultur relativ frei ausleben. Zum ersten Mal in der Geschichte war so fast das gesamte Judentum in einem politischen und kulturellen Herrschaftsraum vereint. Arabisch wurde als Schrift- und Kommunikationssprache auch von den jüdischen Gemeinden übernommen. Die jüdische Literatur erlebte eine Blütezeit, jüdische Gelehrte veröffentlichten Schriften und tauschten sich von Cordoba über Kairo bis nach Bagdad frei aus.

Judäo-Arabisch
  • Kopien der Werke Saadya Gaons in Judäo-Arabisch aus der Kairoer Genizah. (Reproduced by kind permission of the Syndics of Cambridge University Library)

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Zu dieser Zeit entwickelte sich das sogenannte Judäo-Arabisch zur Hauptsprache der jüdischen Gelehrten: Arabisch, geschrieben in hebräischen Schriftzeichen. „Diese Sprache verstehen heute nur noch wenige“, sagt Dr. Nadia Vidro. „Deshalb ist es wichtig, die Texte ins Englische zu übersetzen, um sie für die Nachwelt zugänglich zu machen.“

Rabbinische Juden gegen Karäer
  • Darstellung der Akademie von Sura in Bagdad, Diaspora Museum Tel Aviv. (Wikimedia Commons)

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Das 9. und 10. Jahrhundert ist heute für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch besonders interessant, weil zu dieser Zeit verschiedene Aushandlungsprozesse stattfanden: Die geistlichen Oberhäupter des rabbinischen Judentums, dem der Großteil der Juden zu dieser Zeit angehörte, waren die Geonim (Plural von Gaon), die höchsten Lehrkräfte der Talmud-Akademien in Palästina und Bagdad. Sie waren die höchsten religiösen Autoritäten des rabbinischen Judentums. Auf der anderen Seite standen die Karäer, schon damals eine Minderheit im Judentum, und heute eine winzige Minderheit mit etwa 50.000 Mitgliedern weltweit.

Der große theologische Unterschied zwischen Karäern und rabbinischen Juden bleibt bis heute, dass Karäer die mündliche Tora ablehnen, während die Mehrheit der Juden weltweit auch die mündliche Tora als Gesetz annehmen.

Streit um die „richtige“ Festlegung des Kalenders
  • Diagramm der Sichtbaren Mondphasen. (Reproduced by kind permission of the Syndics of Cambridge University Library)

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An der Schwelle vom neunten zum zehnten Jahrhundert stritten so die Geonim und die Karäer in literarischen Werken um die Deutungshoheit zu verschiedensten Themen. „Diese Bemühungen fokussierten sich letzten Endes auf die sehr konkrete Notwendigkeit, für die Ordnung des Alltags, Recht abzuleiten”, sagt Prof. Vollandt, unter anderem auch, wie man den jüdischen Kalender bestimmen sollte.

„Der Kalender wurde hauptsächlich dafür benutzt, die jüdischen Feiertage festzulegen“, sagt Professor Sacha Stern. Der jüdische Kalender ist ein Mondkalender, nach dem jeder Monat immer mit dem Neumond beginnt. Für den Großteil der jüdischen Geschichte geschah dies durch die astronomische Sichtung der Neumondsichel am ersten Tag des neuen Monats. Im Laufe des achten und neunten Jahrhunderts wurde diese Praxis jedoch nach und nach durch eine komplexe, mathematische Berechnung ersetzt.

  • Tabelle zur Berechnung der Neumondzeit. (Reproduced by kind permission of the Syndics of Cambridge University Library)

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Während die rabbinischen Juden und ihre Oberhäupter, die Geonim, fortan den Kalender berechneten, bestanden die Karäer weiterhin auf einer Festlegung des Kalenders durch Mondsichtung – so wie es auch heute noch im Islam praktiziert wird. In den folgenden Jahrhunderten stritten sich rabbinische und karäische Gelehrte in schriftlichen Werken eifrig über die „richtige und falsche“ Weise, den Kalender festzulegen. Einer der führenden rabbinischen Gelehrten, der sich zu dieser Zeit an diesem Streit beteiligte, und in polemischen Schriften für eine Kalkulation des Kalenders argumentierte, war Saadya Gaon.

Das Leben Saadya Gaons
  • Ben Ezra Synagoge in Kairo. (Wikimedia Commons, Ovedc)

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„Über Saadya Gaon selbst ist heute gar nicht viel bekannt“, gibt Prof. Ronny Vollandt zu. Das fängt schon beim Namen an – denn „Gaon“ ist nicht sein Name, sondern sein Titel als Oberhaupt der Talmudschule von Sura, die sich damals in Bagdad befand. Diesen bekam er aber erst viel später. Sein eigentlicher Name lautete Saadya al-Fayyūmī– nach seiner Heimatstadt Fayyum, die in Ägypten, etwa 100 Kilometer südlich von Kairo liegt. Dort wurde Saadya 882 geboren. Er studierte erst in Kairo und dann später bei den Gelehrten von Tiberias, im heutigen Israel.

  • Altstadt von Bagdad, 1932. (Wikimedia Commons)

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928 wurde Saadya dann zum neuen Oberhaupt der Talmud-Akademie von Sura ernannt und nahm die Stelle in Bagdad an. Dort verfasste er über viele Jahre Schriften, die innerhalb des Judentums über Jahrhunderte überliefert, übersetzt und studiert wurden und starb im Jahre 942. Bis heute ist Saadya als einer der wichtigsten jüdischen Gelehrten bekannt.

Saadyas Werke
  • Mosaik der Saadya-Gaon-Straße in Jerusalem. (Wikimedia Commons)

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„Saadya hat eine wichtige Funktion in den Aushandlungsprozessen gespielt, die das Judentum zu dieser Zeit bewegten“, sagt Prof. Vollandt. Saadyas bedeutendstes Werk ist bis heute seine Übersetzung einiger biblischer Bücher ins Arabische. „Diese Tora-Übersetzung gehört sicherlich zu den wichtigsten judäo-arabischen Texten und ist bis heute in einer unglaublich großen Menge an Handschriften erhalten“, sagt Vollandt.

Neben einer großen Auswahl von Tora-Kommentaren veröffentlichte Saadya Gaon zudem eine große Anzahl von exegetischen und sprachwissenschaftlichen Werken sowie zahlreiche Schriften zum jüdischen Kalender, auf die sich das Forscherteam um Stern, Vollandt und Vidro in ihrem Forschungsprojekt konzentrierten.

Forschungsmethodik
  • Dr. Nadia Vidro in der Bibliothek des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten der LMU München.

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Der erste große Schritt der Forschungsarbeiten war eine Korpusstudie der Werke Gaons zum Kalender. „Unsere Hauptaufgabe war es, so viele Fragmente von Saadyas Werken über den Kalender zu finden, wie nur möglich, weil wir keine kompletten Handschriften überliefert haben“, erklärt Dr. Nadia Vidro, die im Team für das Finden, Rekonstruieren und Übersetzen der Schriftstücke zuständig war.

  • Teile der Werke Saadya Gaons sind verloren und müssen aufwändig rekonstruiert werden. (Reproduced by kind permission of the Syndics of Cambridge University Library)

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Dabei durchstöberte sie Handschriftensammlungen wie die der Kairoer Geniza und der Firkovitch Sammlungen in St. Petersburg nach Kopien von bereits bekannten, als auch nach neuen, bisher unbekannten Handschriften, die sie neu als Werke Saadyas zum Kalender identifizieren wollte. „Dafür muss man alle Fragmente lesen und einschätzen, ob sie thematisch und auch sprachlich zu Saadyas Werken über den jüdischen Kalender passen”, erklärt Dr. Vidro.

Das große Problem: Die Abschriften von Saadya Gaons Werken sind oft mehrere Hundert Jahre alt, Originalschriften liegen nicht mehr vor. Viele von ihnen sind heute kaum noch oder nur schlecht erhalten. So musste Dr. Vidro oft Unterstützung von Seiten der Abteilung für Restaurierung in Anspruch nehmen, um die Fragmente wieder lesbar zu machen.

  • Manche Abschriften sind so schlecht erhalten, dass Dr. Vidro sogar mit der Abteilung für Restaurierung arbeiten musste. (Reproduced by kind permission of the Syndics of Cambridge University Library)

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Wenn sie Teile von Saadyas Werken nicht aus den Primärquellen rekonstruieren konnte, wendete Dr. Vidro einen Umweg an: Sie untersuchte, was andere Autoren über Saadya Gaon und seine Werke schrieben. Die nützlichsten Sekundärquellen waren dabei die Werke von karäischen Autoren, die zu dieser Zeit und auch noch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder in polemischen Werken versuchten, die Ansichten des Gaons zu entkräften. „Man muss aus all diesen Fragmenten aus primären und sekundären Quellen ein Puzzle bauen, damit ein kompletter Text entsteht“, sagt Dr. Vidro. „Die Rekonstruktion war vielleicht der schwierigste und aufwendigste Teil des Projekts. So etwas kann man in einer primären Studie nicht machen, das braucht Jahre.“

Erfolgreiche Rekonstruktion
  • Nach mühsamer Arbeit gelang es dem Team, große Teile der Schriften Saadya Gaons wieder herzustellen.

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Tatsächlich schaffte es Dr. Vidro, einen bedeutenden Teil von Gaons Schriften, die bisher nicht bekannt waren, zu rekonstruieren und anschließend ins Englische zu übersetzen. Der Stolz des Projekts: eine komplette Rekonstruktion des „Kitāb al-Tamyīz“, des „Buchs der Unterscheidung zwischen den richtigen und falschen Methoden für die Festlegung der Feiertage“. Das Buch galt schon vor dem Forschungsprojekt als eine der wichtigsten Schriften zum jüdischen Kalender. Dank der Arbeit von Stern, Vollandt und Vidro wird „Kitāb al-Tamyīz“ gemeinsam mit drei weiteren Werken Saadyas in Zukunft komplett rekonstruiert und auf Englisch verfügbar sein. „Das ist eine große Leistung”, sagt Prof. Vollandt.

Heute zeigt die Edition: „Kitāb al-Tamyīz“ ist das umfangreichste Werk Saadyas über den Kalender, das in polemischer Sprache argumentiert, wie die Tage, Monate und Jahre im jüdischen Kalender festgelegt werden sollen. „Saadya war dabei jedoch nur am jüdischen Kalender interessiert. Mit anderen Kalendern, beispielsweise dem julianischen Kalender, hat er sich nicht beschäftigt“, sagt Stern.

Viele von Saadyas Theorien waren zuvor durch Zitate und Texte anderer Autoren bekannt. „Aber niemand hat bisher diese Texte gefunden, rekonstruiert, gelesen und ins Englische übersetzt“, sagt Vidro. „Das ist vielleicht die massivste Leistung dieses Projekts.“

  • Das Forscherteam Vollandt, Vidro und Stern in der Institutsbibliothek des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten der LMU München.

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Die Edition der Schriften soll in Zukunft die Basis für weitere Forschungen zu Saadya Gaon, dem jüdischen Kalender bilden. „Weil die Werke so exegetisch sind, findet man in ihnen auch viel zu anderen Bereichen des Denkens der damaligen Zeit, nicht nur zum Kalender”, sagt Vidro.

Überraschende Erkenntnis
  • Stern, Vollandt und Vidro (v. l.) machten einige überraschende Funde in den verloren geglaubten Schriften Saadya Gaons.

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Eine der Forschungsfragen von Vidro, Stern und Vollandt war, ob in Saadyas Werken etwas zum Thema Astronomie zu finden sei. Da die Astronomie in Bagdad des 9. und 10. Jahrhunderts weite Verbreitung fand, auch in der Form von Übersetzung klassischer Werke auf Griechisch ins Arabische, war das Team davon ausgegangen, dass er seine Argumente zumindest an astronomischen Beobachtungen festmachte. Aber: „Es war eine Überraschung, dass wir praktisch gar nichts Astronomisches in Saadyas Werken gefunden haben“, sagt Dr. Vidro. „Dafür aber sehr viel Exegese und Polemik.“

  • Die Rekonstruktion, Edition und Übersetzung der Originalschriften Saadya Gaons ist eine große Leistung des Teams.

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Tatsächlich habe das Forschungsprojekt gezeigt, dass Saadya Gaon kein Gelehrter war, der die schon damals verfügbaren astronomischen Theorien und Technologien ‚cutting edge‘ eingesetzt habe, ergänzt Prof. Vollandt. „Wir konnten beobachten, dass er eine sehr geringe Kenntnis der Astronomie hatte und in bestimmten Werken sogar Fehler machte.“ Prof. Stern fügt lächelnd hinzu: „Einiges, was wir in seinen Schriften an Äußerungen zu astronomischen Themen gefunden haben, ist wirklich einfach falsch.“

Auch wenn er kein großer Astronom gewesen sei, tatsächlich sei die Bedeutung von Saadya Gaon bis zur heutigen Zeit, dass er für alle möglichen Disziplinen, sei es für den jüdischen Kalender, die Sprachwissenschaft oder für andere Exegese, einen Raum innerhalb der jüdischen Literatur geschaffen habe.

 

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