Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Der Denkmalpflege den Spiegel vorhalten

Der Denkmalpflege den Spiegel vorhalten

Welche historischen Gebäude will unsere Gesellschaft als Denkmale erhalten? Wie wollen wir sie erhalten? Für wen? Wer entscheidet darüber? Und wie haben sich die Antworten auf diese Fragen in den vergangenen zwei Jahrhunderten verändert? In ihrem neuen Buch „Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege. Zum Umgang mit baulichen Relikten der Vergangenheit“ geht Prof. Ingrid Scheurmann diesen und weiteren Fragen nach.

Forschungsprojekt: Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege. Zum Umgang mit baulichen Relikten der Vergangenheit

Es ist schon eine gehörige Leistung, dem eigenen Fach den Spiegel vorzuhalten und dabei die Denkprozesse und Legitimationen renommierter Denker auf den Kopf zu stellen. Eine noch größere Leistung ist es jedoch, diese kritischen Gedanken anschaulich, lesbar und interessant auch für Nicht-Experten des Faches darzustellen. Ingrid Scheurmann hat dies geschafft. Die Historikerin hat mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung ein gut 500-seitiges Werk geschaffen, das 200 Jahre Denkmalpflege in Deutschland auf den Prüfstand stellt. Das Buch, erschienen im Juni 2018 im Böhlau Verlag, ist dabei weniger als eine Geschichte des Faches denn als eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Denkmustern und Argumentationsweisen zu verstehen. Scheurmann gibt in sechs Kapiteln einen vielschichtigen Einblick in die Wertbildungsprozesse der Denkmalpflege von Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute. Das Buch ist eine Sammlung von unterschiedlichen Texten wie Essays, reich bebilderten Auseinandersetzungen mit bekannten Baudenkmalen und Interviews mit Experten. „Es geht in meinem Buch um die Geschichte der Debatten über Denkmalpflege, um den Wandel von Positionsbestimmungen und Diskussionsschwerpunkten, aber auch um die Rezeptionsgeschichte“, sagt Scheurmann. Das mag kompliziert klingen, verweist aber darauf, dass es eindeutige Grundüberzeugungen vergleichbar den heutigen nicht immer gegeben hat. „Es gibt eine lange Tradition von Diskussionen über den angemessenen Umgang mit Geschichte und über deren bauliche Hinterlassenschaften. Das hat oft zu engagierten, auch kontroversen Debatten geführt“, erklärt Scheurmann. Dabei verweist sie auch auf Positionen, die aus unterschiedlichen Gründen vergessen wurden, die zum Teil aber heute noch relevant sind und ein Potential für das Fach darstellen.

Wem gehört die Stadt? Und für wen wird sie restauriert?

Ein Aspekt der Monografie „Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege“ berührt die Frage, wie und für wen wir Geschichte bewahren wollen. Angesprochen ist damit u.a. das Spannungsfeld zwischen den Disziplinen Denkmalpflege und Stadtbildpflege. „Geht es der Gesellschaft wesentlich um touristische Zentren, die sich gut vermarkten lassen und die mit schönen Bildern ausgestattet sind? Oder haben hier auch Gebäude Platz, die Spuren des Krieges und des Wiederaufbaus zeigen oder solche, die ein „unbequemen Erbe“ darstellen? Das sind gesellschaftliche Fragen, die weit über das Fach der Denkmalpflege hinausreichen“, sagt Scheurmann. Denn während die Stadtbildpflege stets den Aspekt der Ästhetik und Identität in den Vordergrund stellt, will die Denkmalpflege laut Scheurmann historische Gebäude und Strukturen in ihrem gewachsenen Kontext bewahren. Das bedeutet, dass bei der Anerkennung eines Gebäudes (oder Ensembles) als Denkmal nicht nur ein bestimmter Zustand aus seiner Geschichte für dessen Wiederherstellung oder Konservierung ausgewählt werden sollte. Vielmehr sollte das Denkmal die Gesamtheit seiner Geschichte mit allen seinen Zeitschichten reflektieren.

Das neue Berliner Stadtschloss
  • Das neue Berliner „Stadtschloss“ im Bau. Drei Seiten der Fassade werden detailgetreu nach historischem Vorbild rekonstruiert. Foto: Tobias Schreiner

    Video Complete.00_03_25_05.Still004
  • Die Rückseite des Gebäudes Richtung Spreeufer hat eine moderne Fassade erhalten, die auf das Humboldt Forum im Inneren des Schlosses aufmerksam macht. Foto: Tobias Schreiner

    Video Complete.00_04_23_19.Still005

Ein aktuelles Beispiel für dieses Spannungsverhältnis ist der Neubau des ehemaligen Berliner Stadtschlosses, der im historischen Zentrum von Berlin auf dem Areal des vormaligen Palasts der Republik entsteht, der wiederum den historischen Ort des einstigen Stadtschlosses besetzte. Während die Fassaden auf drei Seiten des rekonstruierten Gebäudes dem historischen Vorbild nachempfunden sind, ist die Spree-Seite in modernen Formen errichtet worden. Diese „Fuge“ soll laut den Verantwortlichen den Bruch in der Geschichte dieses Ortes versinnbildlichen und das (auch inhaltlich) Neue von dem nach historischem Vorbild Wiederaufgebauten unterscheiden, womit gleichzeitig auf die Zerstörung des ursprünglichen Stadtschlosses sowie die des Palasts der Republik aufmerksam gemacht werden soll.

Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde die ehemalige deutsche Kaiserresidenz 1950 auf Anweisung der DDR-Regierung gesprengt. An ihrer Stelle entstand in den 1970er Jahren der Palast der Republik. Dieser wurde Anfang der 2000er Jahre, vorgeblich aufgrund von Asbestbelastung, abgerissen, um wiederum an seiner Stelle das neu-alte „Stadtschloss“ zu rekonstruieren. Der Fokus des italienischen Architekten Franco Stella, der für die Rekonstruktion verantwortlich zeichnet, liegt auf dem detailgetreuen Wiederaufbau der barocken Fassaden. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist es aber, so Scheurmann, interessant, dass das ehemalige Berliner Stadtschloss kein reines Barockgebäude war. Ab 1442 als Residenzschloss der Hohenzollern gebaut, wurde es über die Jahrhunderte hinweg mehrfach umgebaut und integrierte auch ältere Gebäudeteile wie den Apothekerflügel. „Das zeigt dem Historiker, dass es sich hier um ein gewachsenes Ensemble handelt, das immer wieder Ergänzungen, also auch neue Zeitschichten, erhalten hat“, sagt Scheurmann. In dem Grundriss des rekonstruierten Stadtschlosses finden sich jedoch einige dieser historisch durchaus wichtigen Gebäudeteile gar nicht wieder. „Das kann man jetzt gut oder schlecht finden, es ist aber auf jeden Fall interessant, dass wir uns hier eine Geschichte bauen, die mit der realen Geschichte nicht übereinstimmt.“ Über die historische bzw. künstlerische Legitimität solch selektiver Rückgriffe auf die Geschichte wird in der Denkmalpflege seit dem 19. Jahrhundert gestritten.

Georg Dehio und Alois Riegl

Georg Dehio (1850-1932) war einer der Wegbereiter der Verwissenschaftlichung der Denkmalpflege in Deutschland. Der Historiker hat sich um die Begründung und Nachprüfbarkeit denkmalpflegerischer Urteile bemüht. Die Geschichtlichkeit von Denkmalen war ihm wesentlich und damit verbunden rückte er die am Denkmal sichtbaren Spuren der Zeit ins Zentrum denkmalpflegerischer Aufmerksamkeit. Er reiste durch Europa, fotografierte historische Gebäude und brachte diese Aufnahmen als Anschauungsmaterial für seine Studenten in Königsberg und später Straßburg mit. „Dehio hat Kunstgeschichte – anders als wir das heute tun – noch als ein großes Aufgabengebiet der historischen Wissenschaften gesehen“, sagt Scheurmann. Aus dem Bestreben, Denkmalpflege zu einem akademischen Fach zu machen, resultierte die radikale Einstellung, alle „Laien“ von denkmalfachlichen Entscheidungen fernzuhalten. Darunter verstand Dehio vor allem Architekten und Künstler, die die deutsche Denkmalpflege bis zu der Zeit dominierten. Laut Dehio sollte Denkmalpflege nicht nach „gutem Geschmack“, Einfühlungsvermögen oder einem willkürlichen Sinn der Ästhetik, sondern nach wissenschaftlichen Kriterien betrieben werden, die sich strikt an historischen Quellen ausrichten und das Gebäude in der Gesamtheit seiner Geschichte sehen.

Zur gleichen Zeit wie Dehio publizierte in Österreich der Kunsthistoriker Alois Riegl (1858-1905) eine erste Wertelehre zur Denkmalpflege, die damals schon über Dehios Denken hinausging. Riegl erkannte, dass Aspekte, die einem Kunsthistoriker wichtig sind, nicht zwingend bedeutend für andere mit einem Denkmal befassten Interessenvertreter, etwa Geschäftsleute oder Politiker, sein müssen. Er suchte nach einer für alle verständlichen Wertgrundlage für den Denkmalerhalt: Wenn die Gesellschaft Denkmale erhält und finanziert, dann sollte auch jeder – egal ob Experte oder Laie – einen Bezug zu ihnen haben können und von der Dienstleistung Denkmalpflege profitieren. Er formulierte den Alterswert als allgemein verständlichen, allen zugänglichen und insofern auch demokratischen Denkmalwert. Auch heute noch prägt dieser Gedanke die Denkmalpflege. „Riegl zufolge sollten Denkmalpfleger nicht oberlehrerhaft sagen, das ist wichtig, das müssen wir erhalten, das müsst ihr bezahlen und das dürft ihr euch respektvoll anschauen‘, sondern deutlich machen, dass und inwiefern Denkmale zu der Lebensqualität und der Identität aller das Ihre beitragen“, erklärt Scheurmann.

Dehio und Riegl waren um 1900 um die Verwissenschaftlichung der Denkmalpflege bemüht, beschritten dafür aber unterschiedliche Wege. Riegl sah Dehio als Denker des vergangenen Jahrhunderts an, während er selbst den Anspruch hatte, einen Wertekanon für das 20. Jahrhundert entwickelt zu haben. Trotzdem seien ihre Positionen nicht unvereinbar, erklärt Scheurmann: „Riegl hat in seine Wertelehre den historischen Wert Dehios als einen von mehreren Kriterien aufgenommen.“ Auch wenn die massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs manche Argumente Dehios wie das „Konservieren, nicht Rekonstruieren“ ad absurdum geführt haben, findet man Gedanken beider Wissenschaftler auch heute noch in den deutschen Denkmalschutzgesetzen wieder. „Dehios und Riegls Überlegungen sind eine wichtige historische Orientierung der modernen Denkmalpfleg, sie können heute angesichts vielfältiger neuer Fragen und Herausforderungen aber nicht mehr als das sein“, sagt Scheurmann. „Stattdessen müssen wir uns heute wie auch künftig immer wieder neu fragen, was ein Denkmal oder kulturelles Erbe ist und welche Bedeutung es für die jeweilige Gegenwartsgesellschaft hat oder haben kann.“

Wilfried Lipp – ein dritter Weg?

90 Jahre nach Riegl widmete sich Wilfried Lipp, ein österreichischer Denkmalpfleger und -theoretiker, 1993 in seinen Überlegungen zu einem postmodernen Denkmalkultus der Frage nach dem Stand der seinerzeitigen Denkmal-Debatte, und entwickelte die Gedanken von Alois Riegl weiter. Während dieser Anfang des 20. Jahrhunderts bereits unterschiedliche gesellschaftliche Interessen an der Denkmalpflege diagnostiziert hatte, stellte Lipp fest, dass die heutige pluralisierte Gesellschaft sich kaum noch auf für alle verbindliche Narrative einigen kann. „Heute haben wir zwar auch noch die wissenschaftliche Begründungsmöglichkeit zur Heraushebung historischer Objekte, daneben aber eine unendliche Zahl von einzelnen Interessen und legitimen Erinnerungsbedürfnissen“, sagt Scheurmann. Lipp habe unter den Voraussetzungen der gesellschaftlichen Partikularisierung über mögliche gemeinsame Wertgrundlagen nachgedacht und auf die gewachsene Bedeutung von Ökologie und Ressourcenschonung für den Denkmalerhalt hingewiesen. Lipps Idee einer „Reparaturgesellschaft“ ist laut Scheurmann deshalb gerade heute relevant.

Die Friedrichswerdersche Kirche
  • Die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin, eines der bedeutendsten Baudenkmale der Stadt, ist heute vom Einsturz bedroht. Foto: Tobias Schreiner

    IMG_0225

Ein Beispiel, an dem das Spannungsfeld zwischen Denkmalpflege und Stadtplanung sichtbar wird, ist der Fall der Friedrichswerderschen Kirche. Das Denkmal, 1831 von dem berühmten preußischen Architekt Karl Friedrich Schinkel erbaut, ist der einzige komplett erhaltene Kirchenbau dieses bedeutenden Architekten im Zentrum Berlins.

Die Berliner kennen die Kirche seit langer Zeit als freistehend am Werderschen Markt, ursprünglich war sie jedoch eng umbaut. Mit dieser Begründung wurden nun auf beiden Seiten der Kirche mehrstöckige, hochpreisige Apartment-Blocks gebaut. Und der Bau der Tiefgaragen unter diesen Gebäuden hat den Baugrund unter der Kirche massiv destabilisiert. Die Kirche ist stark einsturzgefährdet und seit einigen Jahren nicht mehr für Besucher zugänglich. Stabilisiert wird sie nur noch durch ein aufwendiges Innengerüst. „Das ist ein Paradebeispiel für den paradoxen Rückbezug auf eine bestimmte städtebauliche Zeitschicht, die hier eine Bebauungsdichte wieder aufruft, die heute – mit der Auflage, ausreichend Parkraum zur Verfügung zu stellen – zur De-Stabilisierung des historischen Gebäudes führt“. Diese Art der Annäherung an eines der bedeutendsten Berliner Baudenkmale gefährdet dessen physische Existenz, so Scheurmann. „Man baut für viel Geld Wohnungen mit Blick auf eines der bedeutendsten Berliner Baudenkmale, riskieren damit aber die Existenz des Denkmals.“

Die hier sinnfällige Komplexität denkmalpflegerischer Fragestellungen, Entscheidungen und Prozesse verdeutlicht, so Scheurmann, die Notwendigkeit, dass sich die Denkmalpflege stets und im Kontext des gesellschaftlichen Wandels selbst hinterfragen muss: „Wofür steht das Fach heute? Ist Denkmalpflege noch in dem, was sie tut, für die plurale Gesellschaft verständlich? Drückt sie noch deren elementare kulturellen Bedürfnisse aus?“

Zur Forscherin:

Prof. Dr. Ingrid Scheurmann arbeitet seit 1995 bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zunächst in Bonn, jetzt in Berlin. Sie studierte Geschichte, Anglistik und Politologie und promovierte 1985 an der Philipps-Universität Marburg. Von 2008 bis 2012 hatte sie eine Vertretungsprofessur für Denkmalkunde an der TU Dresden inne, bevor sie ihr Weg an die TU Dortmund führte. Dort ist sie seit 2013 als Honorarprofessorin für Denkmalpflege am Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Architektur. Zusätzlich lehrt sie an der Technischen Universität Berlin. Scheurmann ist Mitglied in zahlreichen Fachvereinigungen und Arbeitskreisen. Dazu gehörte unter anderem der Arbeitskreis der Fritz Thyssen Stiftung „Bodendenkmäler im Rheinland – Archäologisches Gedächtnis“ (2014-2017) unter der Leitung von Professor Henner von Hesberg, Professor Jürgen Kunow und Dr. Thomas Otten, in dessen Umfeld Scheurmanns aktuelles Buch entstanden ist. In der Denkmalpflege repräsentiert die Historikerin Scheurmann vor allem die Wissenschaftsgeschichte des Faches.

  • Prof. Scheurmanns Arbeitsplatz: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Berlin. Foto: Tobias Schreiner

    Video Complete.00_01_02_09.Still002