Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Kultursensible Pflege von Demenzkranken

Kultursensible Pflege von Demenzkranken

Wie pflegt man Menschen mit Demenz, die ihre später im Leben erlernte Zweitsprache mehr und mehr vergessen? Und wie gelingt Kommunikation, wenn reflexive Intentionalität – die Fähigkeit, gemeinsam intendiertes Handeln aufzubauen – schwindet? Mit dem Forschungsprojekt „Kommunikation Demenz Migration“, untersuchen Haci-Halil Uslucan, Professor für Turkistik, und Rafael Mollenhauer, Postdoktorand am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen, genau diese Fragen. Die beiden Projektleiter versuchen in einer qualitativen Studie in einem Duisburger Seniorenheim zu verstehen, wie sich demenzielle Erkrankungen auswirken, welche Formen von Sprachverlust auftreten und vor allem, wie Mitarbeitende der Einrichtung damit umgehen.

Prof. Haci-Halil Uslucan (r.), Professor für Turkistik, und Dr. Rafael Mollenhauer (l.), Postdoktorand am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen, im Interview Video (mp4, 14:44 Minuten)

Der Fokus liegt dabei auf Kultursensibilität und reflexiver Intentionalität im Alltag und auf der Frage, welche Auswirkungen deren Vorhandensein oder Nichtvorhandensein auf die Kommunikation zwischen Pflegebedürftigen und Pflegepersonal hat – ein Fokus, der bisherige Wissenslücken füllen soll: Reflexive Intentionalität wird bisher fast ausschließlich entwicklungspsychologisch und mit Blick auf den Spracherwerb adressiert, spielt aber in der Demenzforschung und in Überlegungen zur Kultursensibilität bisher überhaupt keine Rolle, erklärt Mollenhauer.

Gesellschaftliche Relevanz
  • Ruhrgebietsstädte wie Duisburg haben mit ihrer Stahl- und Kohleindustrie seit langem viele Einwanderer angezogen. Somit wird der Bedarf nach kultursensibler Pflege größer.

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Der demografische Wandel verändere die Pflege radikal, sagt Prof. Haci-Halil Uslucan. Während 2020 noch 13 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland ausländische Staatsbürger waren, wird dieser Anteil bis 2030 voraussichtlich auf 24 Prozent steigen. Die Gesellschaft wird älter – und so werden es auch die Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Zugleich verliere das bisher kulturell tief verankerte Tabu, beispielsweise in vielen türkischstämmigen Familien, die eigenen alten Eltern nicht in Heimen unterzubringen, zunehmend an Bindungskraft. „Immer mehr ältere Migranten wünschten sich professionelle Pflege und wollten ihre eigenen Kinder nicht zusätzlich mit ihrer Pflege belasten”, sagt Uslucan. Für die Pflege in Deutschland bedeute dies, dass mehr Sprachen, kulturelle Hintergründe und religiöse Vielfalt in Pflegeeinrichtungen integriert werden müssen. Bewohnerinnen und Bewohner angemessen (und, wenn möglich, in ihrer Muttersprache) anzusprechen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und individuelle Ess- oder Pflegegewohnheiten zu respektieren, ermögliche nicht nur eine bessere Diagnose und Therapie von gesundheitlichen Problemen, sondern auch besseres Wohlbefinden – und damit gesündere Menschen.

  • Kultursensible Pflege heißt auch, dass das Pflegepersonal die Sprache der Bewohnerinnen und Bewohner spricht.

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Dass sich für dieses Forschungsprojekt eine qualitative Studie statt einer quantitativen anbietet, war den Forschenden früh klar. Uslucan erklärt: „Viele Untersuchungen, die sich mit älteren Menschen und Demenz beschäftigen, basieren auf schriftsprachlicher Kompetenz, da müssen Fragebogen ausgefüllt werden. Das führt bei Menschen der ersten Einwanderungsgeneration zu Problemen, da diese teilweise nie zur Schule gegangen sind.” So könnten diese Menschen zwar im Alltag gut kommunizieren, schriftliche Befragungen schlossen ihre Bedürfnisse jedoch aus den Ergebnissen vieler Forschungsprojekte aus. Das Projekt setzt daher auf qualitative Methoden, um Kommunikation dort zu erfassen, wo sie tatsächlich geschieht – im Alltag, im Miteinander und in spontanen Begegnungen.

Forschungsort
  • Kooperationsbereit: Nach langer Recherche fanden Uslucan und Mollenhauer schließlich im „Haus am Sandberg” in Duisburg einen passenden Ort für ihr Forschungsprojekt.

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Obwohl aktuell viele Seniorenzentren und Wohnheime in Deutschland mit dem Thema Multikulturalität werben, war es schwer, überhaupt einen Ort zu finden, um das Forschungsprojekt durchzuführen, berichtet Rafael Mollenhauer: „Wir haben eine dreistellige Anzahl von Institutionen kontaktiert, aber keine Zusagen erhalten.” Doch dann erhielt das Team doch noch eine positive Rückmeldung: Das multikulturelle Seniorenzentrum Haus am Sandberg in Duisburg-Homberg zeigte sich offen für das Projekt. „Man hat uns hier mit offenen Armen empfangen und die Zusammensetzung der Bewohnerinnen und Bewohner und des Pflegepersonals ist sehr divers, was diesen Ort für unser Projekt sehr interessant macht.”

Angesiedelt in einem Stadtteil, dessen Stahl- und Zechenwirtschaft in der Vergangenheit viele Menschen aus aller Welt angezogen hat, wurde hier schon in den 1990er-Jahren die Idee geboren, ein Haus der Zukunft zu schaffen, in dem Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam alt werden könnten, erklärt Einrichtungsleiter Ralf Krause: „Uns im Team ist damals aufgefallen, dass wir alle eine Migrationsgeschichte haben. Da hat es bei uns Klick gemacht, dass das nichts Besonderes ist, sondern ganz normal.” Das damals erste Seniorenzentrum seiner Art in Deutschland schult bis heute sein Personal kontinuierlich in kultursensibler Pflege. Mitarbeitende aus 14 Ländern, Gebetsräume für muslimische Bewohnerinnen und Bewohner und kulinarische Angebote wie ein türkischer Brunch zeigen, dass das Haus am Sandberg nicht nur Pionier-Institution war, sondern auch heute Wegweiser in kultursensibler Pflege ist.

Methodik
  • Durch teilnehmende Beobachtungen und Interviews untersuchen die Forschenden, wie Bewohnerinnen und Bewohner und Pflegekräfte im Seniorenzentrum in ihrem Alltag miteinander kommunizieren. Aufgezeichnet wird unauffällig mit Tablet.

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Die qualitative Studie läuft seit Oktober 2023 mit einer verlängerten Förderung durch die Fritz Thyssen Stiftung noch bis Oktober 2026. Methodisch lässt sich das Projekt grob in zwei Erhebungsphasen unterteilen: In der ersten Phase dominiert die teilnehmende Beobachtung, die neben Feldnotizen auch Videoaufzeichnungen und Walk-Along-Interviews beinhaltet. Die zweite Phase ergänzt die qualitative Beobachtung um halb-experimentelle Settings, deren Designs aus der Entwicklungspsychologie entlehnt wurden, mit dem Ziel, kognitive Kompetenzen der Bewohnerinnen und Bewohner zu erfassen und mit den Beobachtungsdaten in Beziehung zu setzen.

  • Dr. Tijen Mollenhauer konnte das Projekt mit ihrer langjährigen Erfahrung, türkischstämmige Frauen zu interviewen, bereichern.

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In beiden Erhebungsphasen konnte Frau Dr. Tijen Mollenhauer, Projektmitarbeiterin im Forschungsvorhaben, ihre Erfahrung in der Gestaltung von Settings, Interviewführung und ihre Türkischkenntnisse nutzen, um das Projekt voranzubringen. „Tijen hat zuvor für ihre Doktorarbeit Interviews mit über 300 türkeistämmigen Frauen geführt und damit starke methodische Kompetenzen mitgebracht”, konstatiert Prof. Uslucan, der Tijen Mollenhauer zuvor als Doktorvater betreut hatte.

Insgesamt bezogen die Forschenden 35 Personen intensiv ein: elf Bewohnerinnen und Bewohner – davon sieben mit Demenz –, 19 Mitarbeitende sowie vier Angehörige. Zusätzlich sei nach den beiden Erhebungsphasen eine standardisierte Befragung der Mitarbeitenden durchgeführt worden, an der mehr als die Hälfte der rund 100 Mitarbeitenden teilgenommen habe. Die Auswertung läuft derzeit noch.

Erste Ergebnisse
  • Dr. Tijen Mollenhauer testet in spielerischen Experimenten, ob die Bewohnerin des Seniorenzentrums noch fähig zu reflexiver Intentionalität ist.

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Die ersten Ergebnisse zeigen, dass Kultur ein zentrales Orientierungssystem im Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner darstellt. „Das Wort ‚Kultur‘ fällt hier in Gesprächen mit Mitarbeitenden jeden Tag mehrere Male. Herkunftsbezüge und religiöse Hintergründe werden hier im Alltag stark berücksichtigt”, berichtet Rafael Mollenhauer. Ein weiterer Befund betrifft die Sprache: Sprachen, die im Erwachsenenalter erlernt wurden, würden bei Demenz zuerst abgebaut, während die Erstsprache oft stabil bleibe. Dies zeige sich in Alltagssituationen, in denen Bewohnerinnen und Bewohner plötzlich wieder auf ihre Muttersprache reagierten und dadurch „reaktiviert“ würden. Mollenhauer berichtet von einer türkeistämmigen Dame, die durch ein einfaches „nasılsın” (türkisch: Wie geht es dir?) von einer Pflegerin aus ihrer scheinbaren Abwesenheit abgeholt werden konnte.

Auch reflexive Intentionalität – die Fähigkeit, gemeinsam Ziele zu verfolgen – sei teilweise noch vorhanden, selbst wenn die Bewohnerinnen und Bewohner bei standardisierten Problemlöseaufgaben eingeschränkt seien. Dies könne erhebliche Auswirkungen auf die Pflegepraxis haben und zeige die Notwendigkeit flexibler Kommunikationskonzepte, sagt Mollenhauer.

Ausblick und Veröffentlichungen
  • Die Auswertung der Forschungsergebnisse soll in Zukunft in mehreren Veröffentlichungen und besonders in einem Sammelband publiziert werden.

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Als nächster Schritt steht für die beiden Projektleiter die Integration der beiden Datensätze aus Beobachtung und halb-experimentellen Methoden auf der Agenda. Daraus sollen interdisziplinäre Auswertungen und ein wissenschaftlicher Sammelband entstehen, ergänzt durch Publikationen, die die Praxis der Pflege und die theoretische Forschung miteinander verbinden. Ziel sei es auch, konkrete Handlungsempfehlungen für Pflegeeinrichtungen zu entwickeln, die sich direkt aus den Alltagssituationen ableiten lassen.

Abschließend betonen die Forschenden, dass am Ende nicht nur gute Forschung, sondern auch verbesserte Interventionsmöglichkeiten und Pflegepraktiken entwickelt werden sollen. Pflege in Deutschland solle auch als Berufsfeld attraktiver werden, besonders die Bezahlung dieser Berufe, sagt Uslucan: „Das ist ja auch nicht uneigennützig. Wir wünschen uns doch alle eine gute Pflege im Alter.”

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Mollenhauer selbst hofft auf mehr Einrichtungen wie das Haus am Sandberg, in denen Miteinander und Integration gefördert würden, bis es eines Tages so selbstverständlich sei, dass Kultursensibilität nicht mehr gesondert thematisiert werden muss: „Ich wünsche mir, dass es mehr Einrichtungen wie dieses Haus am Sandberg geben wird.”

Einrichtungsleiter Krause betont, dass mit der wachsenden Diversität der Bewohner des Multikulturellen Zentrums nie alles ideal laufen könne. „Wir können nichts zu 100 Prozent abdecken. Wir versuchen es, aber wir sind immer auf dem Weg.”

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