Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Zwischen Realität und Virtualität

Zwischen Realität und Virtualität

Was ist wirklich – und was nur Schein? Diese grundlegende Frage treibt die Philosophie seit Jahrhunderten um. Doch im Zeitalter von Social Media, KI und Virtual Reality bekommt sie eine neue Dringlichkeit. An der psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg untersucht Prof. Thomas Fuchs gemeinsam mit dem Psychologen Niklas Noe-Steinmüller seit Oktober 2024 über die kommenden drei Jahre, wie sich virtuelle Umgebungen auf unser Erleben und unsere psychische Gesundheit auswirken – und ob sie womöglich auch zur Entstehung bestimmter psychischer Störungen beitragen können.

Prof. Thomas Fuchs (r.) und Niklas Noe-Steinmüller, Psychiatrische Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, im Interview, Video (mp4, 13:52 Minuten)

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung verbindet das Projekt philosophische Grundsatzreflexionen (Projektteil 1) mit empirischer Forschung und phänomenologischen Interviews (Projektteil 2). Projektleiter Prof. Fuchs beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit den Implikationen virtueller Wirklichkeiten – damals inspiriert unter anderem durch Science-Fiction-Werke wie „Matrix“. Doch heute sei das Thema aktueller denn je: „Die technische Entwicklung ermöglicht Simulationen von Realität, die kaum noch von der wirklichen Welt zu unterscheiden sind“, so Fuchs.

  • Prof. Thomas Fuchs, Karl-Jaspers-Professor für Philosophie und Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, leitet das Projekt und kümmert sich maßgeblich um die theoretischen und philosophischen Überlegungen sowie die Begriffsdefinitionen.

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  • Niklas Noe-Steinmüller (l.) betreut den empirischen Teil des Forschungsprojekts, insbesondere die phänomenologischen Interviews.

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Drei Gruppen im Fokus: Schizophrenie, Verschwörungsglaube, Internetsucht

Das Projekt konzentriert sich auf drei sehr unterschiedliche Gruppen: Menschen mit Schizophrenie, Verschwörungsgläubige und Personen mit pathologischer Internetsucht. Sie alle eint, dass sie in besonderer Weise von realitätsfernen Erlebensweisen betroffen sind – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen.

  • Soziale Medien könnten den Eindruck vieler Schizophreniepatienten, dass sich alles nur um sie dreht, noch verstärken.

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Bei an Schizophrenie Leidenden etwa sei der Realitätsverlust oftmals so tiefgreifend, dass eine Verständigung mit der Außenwelt kaum mehr möglich ist, erklärt Niklas Noe-Steinmüller. „Sie leben – zumindest phasenweise – in einer ganz eigenen Realität.“ Dabei gebe es Parallelen zu digitalen Filterblasen, die uns Informationen gezielt vorsortieren und auf unsere Vorlieben zuschneiden: „Auch bei schizophrenen Patientinnen und Patienten beobachten wir, dass sie den Eindruck haben, alles sei speziell für sie gemacht – ein Erleben, das von der digitalen Welt durchaus gespiegelt wird.“

  • Verschwörungsgläubige kapseln sich durch Filterbubbles und Echokammern immer mehr vom Rest der Gesellschaft ab.

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Ganz anders gelagert ist der Fall bei Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien. Diese Menschen seien durchaus alltagsfähig, hätten sich jedoch von einem geteilten gesellschaftlichen Wirklichkeitsbezug verabschiedet. In abgeschotteten Online-Gruppen finde eine ständige gegenseitige Bestätigung statt – „eine Art Echokammer, in der eigene Überzeugungen nicht mehr hinterfragt, sondern nur noch verstärkt werden“, so Fuchs. Solche virtuellen Gemeinschaften können den Anschein einer Realität erwecken – eine Realität, die sich allerdings zunehmend von der übrigen Gesellschaft entkoppelt.

„Im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen handelt es sich hier nicht um ein Krankheitsbild, sondern eine Entwicklung in der Gesellschaft”, stellt Noe-Steinmüller jedoch sofort klar. Verschwörungstheorien sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Bis zu 35 % Prozent der Bevölkerung neigten zu solchen Denkmustern. Viele Menschen, die einem Verschwörungsglauben anhängen, könnten in ihrem Alltag auf hohem Level funktionieren. Trotzdem sei, vor allem befeuert durch das Internet, zu beobachten, dass sich in diesen Gruppen immer mehr Menschen kognitiv und emotional von einem gemeinsamen gesellschaftlichen Wirklichkeitskonsens abwenden und so Parallelwelten erschaffen, bestätigt Fuchs.

  • Sogenannte „Hikikomori” verbringen fast ihre gesamte Zeit in digitalen Welten - und vernachlässigen dabei ihre Gesundheit, Ernährung und soziale Kontakte.

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Die dritte Untersuchungsgruppe bilden Menschen mit starkem Rückzug in digitale Räume, ein Phänomen, das unter dem japanischen Begriff Hikikomori bekannt wurde. Hier beobachtet das Forschungsteam, dass Betroffene zum Teil zwölf Stunden täglich online sind – mit massiven Folgen für soziale Beziehungen, Gesundheit und finanzielle Stabilität. „Die Quantität an Kontakten steigt, aber die Qualität nimmt ab“, resümiert Fuchs. „Viele meiner Patienten, die ich nach ihren sozialen Kontakten frage, verstehen gar nicht, dass ich mich auf Personen in der realen Welt beziehe, die sie nicht übers Internet kennen”, fügt Noe-Steinmüller ein. Trotz vieler digitaler Verbindungen sei eine tiefgreifende Vereinsamung zu beobachten.

  • Vor der empirischen Forschung entwickelt das Team den theoretischen und philosophischen Rahmen des Projekts.

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Begriffsdefinitionen

Vor der Entwicklung eines Interview-Fragebogens und der Datenerfassung beinhaltet das Projekt wesentliche philosophische Reflexionen. Hierfür sind einige Begriffserklärungen notwendig. Der erste zentrale Begriff des Projekts ist die „Virtualität“. Ursprünglich stammt er aus der mittelalterlichen Optik und bezeichnete Phänomene wie das Spiegelbild – ein Scheinbild, das an einem Ort erscheint, an dem faktisch nichts ist. „Virtualität ist also zunächst ein Trugbild, das wir nicht immer als solches erkennen“, erläutert Fuchs. „Realität“, im Gegensatz dazu, entstehe dort, wo uns eine virtuelle Täuschung bewusst wird – etwa, wenn wir auf Schmerz oder Widerstand stoßen.

Wirklichkeit sei dadurch gekennzeichnet, dass wir sie gemeinsam mit anderen teilen und dass sie uns durch ihre Widerständigkeit zur Auseinandersetzung zwingt. In virtuellen Umgebungen aber, so die These des Projekts, droht diese Unterscheidung zu verschwimmen. Fuchs spricht in diesem Zusammenhang vom „Als-ob-Bewusstsein“: Wenn wir einen Film sehen oder ein Videospiel spielen, wissen wir, dass es nicht echt ist – aber genau dieses Bewusstsein gehe zunehmend verloren.

  • Durch den zunehmenden Gebrauch digitaler Medien verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Virtualität.

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Ein banales Beispiel nennt Noe-Steinmüller aus dem eigenen Alltag: „Wenn ich mir nach längerer Arbeit in Office-Programmen am Computer wieder zurück in der echten Welt etwas zu Essen koche, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich etwas rückgängig machen will – als gäbe es dafür einen Shortcut.“ Solche Irritationen seien zwar nicht pathologisch, zeigten jedoch, wie schnell sich das Denken an digitale Logiken gewöhnt.

„Simulation“ wiederum beschreibt die künstliche Nachbildung von Wirklichkeit – etwa in virtuellen Welten oder digitalen Interfaces und zuletzt in „Virtual Reality”-Applikationen und -Spielen.

„Immersion“ schließlich beschreibt das Eintauchen in solche simulierten Umgebungen – ein Zustand, in dem das Bewusstsein für die reale Welt teilweise oder vollständig in den Hintergrund tritt. Das sogenannte „Als-ob-Bewusstsein“, das normalerweise zwischen Realität und Fiktion unterscheidet, kann in diesen Situationen ins Wanken geraten – mit potenziellen Auswirkungen auf das psychische Erleben.

Methodik und Projektstruktur

Das Projekt „Realität und Virtualität“ ist interdisziplinär angelegt und vereint Ansätze aus Philosophie, Psychologie und Psychiatrie. Ziel ist es, nicht nur theoretische Modelle zu entwerfen, sondern diese durch qualitative empirische Forschung zu unterfüttern. Dabei kommt eine phänomenologische Methodik zum Einsatz, die sich bewusst von standardisierten Fragebögen abgrenzt und stattdessen auf offene Interviews setzt.

„Wir wollen die subjektiven Erlebnisperspektiven der Betroffenen ernst nehmen und nicht durch vorgefertigte Raster einengen“, erklärt Noe-Steinmüller. Der Interviewleitfaden, den das Team entwickelt hat, enthält daher Fragen, die zur freien Reflexion einladen. Zugleich wurden Elemente integriert, die eine Vergleichbarkeit zwischen den Gruppen ermöglichen – etwa Fragen zur Selbstwahrnehmung in virtuellen Räumen, zum Gefühl der Kontrolle oder zur Erfahrung von Isolation.

  • Rund 30 Personen sollen aus den drei Gruppen befragt werden.

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Für das empirische Teilprojekt führen die Forscher phänomenologische Interviews mit insgesamt 30 Teilnehmenden aus den drei Fokusgruppen durch. Dabei kommen offene Leitfragen zum Einsatz, die gezielt typische Erlebensweisen abfragen und die untersuchten Gruppen voneinander abgrenzen – etwa das Gefühl, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, beobachtet zu werden oder eigene Wahrheiten in virtuellen Räumen zu suchen. „Uns interessiert, ob sich bestimmte Phänomene gruppenübergreifend zeigen – oder ob jede Gruppe ganz eigene Erlebensmuster ausbildet“, erklärt Noe-Steinmüller.

  • Phänomenologische Interviews: Die Betroffenen sollen mithilfe eines Fragebogens möglichst offen über ihre Wahrnehmung sprechen.

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Im Anschluss erfolgt eine qualitative Auswertung der Aussagen, die mit bestehenden philosophischen und psychiatrischen Theorien in Beziehung gesetzt werden. Der analytische Prozess soll sowohl Gemeinsamkeiten als auch gruppenspezifische Besonderheiten sichtbar machen.

Zielsetzung und Ausblick
  • Das Projekt soll helfen, mehr über die Gesellschaft und den Einzelnen erfahren.

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Ob die zunehmende Virtualisierung Ursache bestimmter psychischer Störungen ist, können die Forscher mit ihrem Design nicht belegen. Was sie aber aufzeigen wollen, ist die strukturelle Nähe zwischen digitalen Erfahrungswelten und pathologischen Erlebensweisen – ein Beitrag zur Aufklärung: „Wir erleben immer häufiger, dass sich Menschen auf Wahrheiten einigen, die nur innerhalb ihrer virtuellen Gruppen Bestand haben“, sagt Prof. Fuchs.

Die Folge seien fragmentierte Realitäten, in denen gesellschaftlicher Konsens zunehmend verloren geht. Das Heidelberger Projekt will einen Beitrag leisten, diese Entwicklung besser zu verstehen – philosophisch, psychologisch und mit einem wachen Blick für die Gegenwart.

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