Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Bochumer Geochemiker lüftet Geheimnis um Herkunft von Manillen, dem „Geld“ des Sklavenhandels

Bochumer Geochemiker lüftet Geheimnis um Herkunft von Manillen, dem „Geld“ des Sklavenhandels

Der Bochumer Geochemiker Dr. Tobias Skowronek konnte auf Basis chemischer Untersuchungen zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Rheinland-Erzen, Manillen und Benin-Bronzen nachweisen. Tatsächlich wurden diese Manillen als das „Geld des transatlantischen Sklavenhandels“ teilweise aus Blei-Zinkerzen der Region Aachen-Stolberg hergestellt und dann später für die Herstellung der Benin-Bronzen genutzt.

Dr. Tobias Skowronek machte eine aufsehenerregende Entdeckung. Video (mp4, 8:53 Minuten)

 

Der transatlantische Sklavenhandel wirft einen langen Schatten bis in das Rheinland. Über 400 Jahre lang verschifften die Seefahrernationen Europas Menschen aus Afrika als Sklaven in die gesamte Welt – vornehmlich nach Amerika. Hier produzierten die Sklavinnen und Sklaven auf Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen unter teilweise menschenverachtenden Bedingungen jene Produkte, deren gewinnbringender Verkauf aus Sicht mancher Historikerinnen und Historiker die Grundlage für die Industrialisierung Europas schuf.

Das „Geld“ des Sklavenhandels

Die Währung des transatlantischen Sklavenhandels waren Manillen – armreifenförmige Ringe, die aus Erzen produziert wurden, deren Verhüttung zusammen mit Kupfer eine goldschimmernde Legierung, das Messing, ergab. Im Rheinland und später in Großbritannien und Skandinavien abgebaut, wurden diese in Europa in die Form von Ringen gegossen und millionenfach nach Westafrika verschifft. Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es keine Erzvorkommen dergleichen Art, aus denen man Messing hätte produzieren können, weshalb diese Art Legierung  besonders bei den afrikanischen Herrschern begehrt war. Sie tauschten die Manillen gegen Gold, Elfenbein, Palmöl und versklavte Menschen ein. Bis zu ihrer Einziehung durch die britische Regierung 1948 waren sie in weiten Teilen Westafrikas längst offizielle Währung  geworden.

  • Manillen aus verschiedenen Perioden des Sklavenhandels. Diese Manille (2. v. l.) stammt aus dem Rheinland.

    Manille identisch mit Beninbronzen 1

Die afrikanischen Herrscher schmolzen die goldfarbenen Armringe ein und formten daraus Bronzestatuen, die sie in ihren Palästen aufstellten. Dabei folgten sie hohen Standards und genauen Vorstellungen, welche Formen, Farbgebungen und Legierungen ihre Manillen haben sollten. Besonders begehrt waren die im Rheinland produzierten Armringe, wo diese mit ihrer schlichten wenig dekorativen Erscheinung keinen Nutzen hatten.

Geschichte der Benin-Bronzen

Das aktuell bekannteste Beispiel für aus Manillen gefertigte Schmuckstücke sind die sogenannten „Benin-Bronzen“, eine Sammlung von über 10.000 Statuen aus Kupferlegierungen. Sie wurden am Hofe des Obas (Königs) des Königreichs Benin im heutigen Nigeria ab dem 15. Jahrhundert produziert und 1897 von britischen Truppen geraubt. Die „Strafexpedition“ der britischen Krone zerstörte den Königspalast in der ehemaligen Hauptstadt Benin-Stadt  und verleibte das Königreich Benin dem britischen Protektorat Nigeria ein. Im Laufe der Jahrhunderte landeten die Benin-Bronzen in verschiedenen Museen Europas oder sind bis heute im Besitz von privaten Sammlern verschollen. In den vergangenen Jahren wurde die Rückgabe dieser Bronzen weltweit heiß debattiert.

  • Benin-Bronze im Bristol Museum in Großbritannien, die einen „Oba“ (König) darstellt. Foto: Matt Neale, Wikimedia Commons

    Benin bronze at Bristol Museum
Eine Frage, auf die die Geschichtswissenschaften bisher keine Antwort geben konnten

Eine Verbindung zwischen Benin-Bronzen, Manillen und Rheinland-Erzen wurde in der Vergangenheit zwar vermutet, konnte bisher jedoch nie nachgewiesen werden. „Das ist kein Wunder“, sagt Tobias Skowronek, „denn in den schriftlichen Quellen der Kaufleute, die mit den Manillen handelten, werden diese nie erwähnt. Stattdessen wird immer nur von Ringen gesprochen. Ob dies Manillen oder eine andere Art Ringe wie z. B. Gardinenringe waren, lässt sich nur herausfinden, wenn man hinfährt und nachguckt. Da wurde ich selbst schon schwer enttäuscht“, sagt Skowronek mit einem Schmunzeln. Seine Suche nach Spuren des „Sklavengeldes“ sei oft in einer Sackgasse geendet.

  • Dr. Tobias Skowronek konnte die Verbindung zwischen Rheinland-Erzen, Manillen und Benin-Bronzen im Labor nachweisen.

    Skowronek Porträt 1

Die große Entdeckung machte er erst bei der chemischen Analyse einiger Manillen. Im Rahmen des ebenfalls von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekts „Globaler Metallhandel im 16. Jahrhundert – Von Europa nach Afrika und Indien“ von Professor  Andreas Hauptmann, an dem Skowronek zu der Zeit noch als Doktorand mitwirkte, untersuchten die Forscher einige wenige Manillen, die von Schiffswracks aus dem 16. Jahrhundert geborgen worden waren. Sie zeigten in ihrer chemisch-isotopischen Zusammensetzung erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Blei-Zinkerzen aus der Region Aachen-Stolberg.

Gemeinsam schlussfolgerte das Team, dass die Metallindustrie des Rheinlands wesentlich stärker in die transatlantischen Ökonomien eingebunden war als bisher angenommen.

Chemische Analyse bringt die große Entdeckung

Diese ersten Hinweise bewegten Skowronek dazu, in einem weiterführenden Forschungsprojekt über 100 Manillen von sieben Schiffswracks und drei Landfunden auf ihre chemische Zusammensetzung hin zu untersuchen. Er suchte speziell nach Schiffswracks, die auf der transatlantischen Route untergegangen waren und recherchierte in den Archivbeständen, welche Waren diese Schiffe geladen hatten.

  • Manillen-Fund auf dem Meeresgrund. Foto: Brandon Clifford, Center for Historic Shipwreck Preservation

    Manillas on the seafloor

Für jedes Schiff, auf dessen Ladelisten Ringe erwähnt wurden, kontaktierte er die Unterwasserarchäologinnen und -archäologen, die die Überbleibsel der Wracks dokumentiert und geborgen hatten. Wenn es sich tatsächlich um Manillen handelte, nahm Skowronek vor Ort Proben – das stieß nicht immer auf helle Begeisterung unter den Forscherkolleginnen und -kollegen „Das war ein gewaltiger Aufwand, denn wir mussten alle Archäologinnen und Archäologen, denen ihre Funde  natürlich lieb und teuer sind, überzeugen, dass wir dort bohren durften.“

  • Es braucht nur wenige Metallspäne, um die chemische Zusammensetzung der Manillen zu bestimmen.

    Probennahme

Im spanabhebenden Verfahren bohrte Skowronek mit einem 1,5-Millimeter-Bohrer Löcher in die Metallringe, löste die gewonnen Späne in Salz-Salpetersäure auf und untersuchte die Proben auf ihre Bleiisotopenzusammensetzung im Massenspektrometer des Forschungslabors des Deutschen Bergbau-Museums Bochum.

„Während sich der Gehalt chemischer Elemente wie Zink, Kupfer oder Blei durch die Verarbeitung und den Schmelzprozess ändern kann, bleiben die Isotopenverhältnisse unverändert”, erklärt Skowronek. Der Vergeich der Bleiisotopenverhältnisse von Manillen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, Galmeierzen aus dem Rheinland und Literaturdaten von etlichen Benin-Bronzen bewies schließlich zweifelsfrei, was Skowronek so lange vermutet hatte: Sie stammen aus demselben Material. Tobias Skowronek bestätigt: „So eine eindeutige Übereinstimmung der Daten findet man in der Archäometallurgie nur selten.“

  • Die Bleiisotopenwerte von Rheinland-Erzen, Manillen und Benin-Bronzen stimmen überein. Grafik: Tobias Skowronek, Fotos: Markus Matzel, Wikimedia Commons

    Isotopenvergleich Galmeierze Manillen Beninbronzen

Die Entdeckung veröffentlichte Skowronek frei zugänglich auf der Plattform PLOS ONE, um ein breites Publikum zu erreichen. Mit Erfolg, denn seine Ergebnisse entpuppten sich in den kommenden Monaten wissenschaftlich und medial als kleine Sensation, etliche Zeitungen und Fernsehsender berichteten über den Fund. „Und das waren nur Stichproben”, erinnert Skorwonek. „Jetzt benötigt es die Archivarbeit, damit wir genau quantifizieren können, um welche Mengen es sich da wirklich handelte.”

Die Rolle deutscher Metallindustrie im globalen Handelsnetz

Denn die Ergebnisse belegen nicht nur den Ursprung des Metalls, sondern auch die zentrale Rolle deutscher Metallindustrie in diesem globalen Handelsnetz. Die Dimensionen des Handels mit Manillen „können wir uns heute kaum vorstellen”, so Skowronek. Allein in einem Vertrag aus dem Jahr 1548 zwischen der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger und dem portugiesischen Königshaus verpflichteten sich die Fugger zur Lieferung von 1,5 Millionen Manillen in nur drei Jahren. „Das bedeutet eine Produktion von 1.300 Manillen am Tag – eine für diese Epoche unglaubliche Menge”, sagt Skowronek. Alleine in der späteren Periode des britischen Sklavenhandels von 1750 bis 1809 müssen laut Schiffslisten allein rund 50.000 Tonnen Messing – equivalent zu 300 Millionen Manillen – nach Westafrika verkauft worden sein.

  • Auf der Suche nach Antworten: „Nach den ersten Labor-Ergebnissen braucht es jetzt die Archivarbeit“, sagt Skowronek.

    Skowronek Suche nach Antworten

Doch auch wenn die tatsächlichen Mengen von Manillen, die aus dem Rheinland nach Westafrika verkauft wurden, noch nicht hinreichend erforscht sind, die Namen der damaligen Produzenten sind zum Teil bekannt.

Die nachgewiesene Verbindung zwischen Benin-Bronzen und Rheinland-Erzen gebe demnach auch Anlass, neu zu überdenken, welche wirtschaftlichen Auswirkungen der transatlantische Sklavenhandel auf den generellen Prozess der Industrialisierung und damit auf den Wohlstand der europäischen Industrienationen hatte, sagt Skowronek: „Wenn wir also besser verstehen wollen, wo unser Wohlstand in Deutschland herkommt, der ja auf der Industrialisierung aufbaut, dann müssen wir uns anschauen, wo diese Entwicklungen angefangen haben.“

Auf diese für Deutschland und Mitteleuropa lange Zeit übersehenen Zusammenhänge hat Skowronek in seinem kürzlich erschienenen Artikel „Echoes from Benin: The unrecognized profits of the German heavy metal industry from the transatlantic slave trade“ in der Fachzeitschrift Atlantic Studies: Global Currents hingewiesen, der unter diesem Link veröffentlicht ist.

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