Fritz Thyssen Stiftung Journal Allgemein Abreißen, verfallen lassen oder völlig neu verwenden? Wie Nachkriegsdeutschland ehemalige NS-Kulturstätten nutzte

Abreißen, verfallen lassen oder völlig neu verwenden? Wie Nachkriegsdeutschland ehemalige NS-Kulturstätten nutzte

Die Heidelberger Kulturwissenschaftlerin PD Dr. Stefanie Samida stellt sich der wichtigen Frage, wie wir heute mit ehemaligen Kulturstätten der NS-Geschichte umgehen. Sie hat untersucht, wie fünf Thingstätten der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt wurden: Heidelberg, Borna, Braunschweig, Bad Segeberg und Passau. Das FTS-Journal hat sie auf einem Rundgang durch die Heidelberger Thingstätte begleitet.

Dr. Samida auf ihrem Rundgang durch die Heidelberger Thingstätte. Video Teil 1/2 (mp4, 9 Minuten)

Dr. Samida auf ihrem Rundgang durch die Heidelberger Thingstätte. Video Teil 2/2 (mp4, 9 Minuten)

Zuallererst: Thinganlagen sind keine Erfindung, sondern eine Aneignung der Nationalsozialisten. Der Begriff „Thing“ kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet so viel wie Versammlungsplatz. Die Stammesführer der alten Germanen trafen sich hier, um Rat und Gericht zu halten. Diese Tradition bewährte sich bis ins Mittelalter und geriet dann fast in Vergessenheit.

  • Wie sich der niederländische Maler Charles Rochussen (1814–1894) eine altgermanische Thingversammlung vorstellte. Quelle: Wikimedia Commons

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Aber nur fast – denn in den 1930er Jahren gründete sich in Deutschland die Thingbewegung, die das Theater revolutionieren und massentauglich machen wollte. Inspiriert wurde die politisch heterogene Bewegung (hier waren katholisch-sozialisierte wie nationalkonservative Theaterschaffende aktiv) von den Thingversammlungen der Germanen. Doch noch fehlten in Deutschland dafür die Bauwerke. Es brauchte gewaltige Feierstätten, monumentale Arenen, Stadien, die Platz für Zehntausende bieten konnten. Zeitgleich ergriff mit der NSDAP in Deutschland eine politische Bewegung die Macht, die ebenfalls mit ihrer Ideologie die Massen erreichen wollte und sich auf den Bau von Monumentalanlagen spezialisierte.

Vereinnahmung durch das NS-Regime

Fasziniert von der Idee dauerte es nicht lange, bis die Nationalsozialisten die Thingbewegung für sich vereinnahmten. In Windeseile gab es nach der Machtergreifung 1933 die ersten Ausschreibungen, schnell wurde angefangen zu bauen. Etwa 400 Thingstätten sollten in ganz Deutschland verteilt entstehen, um die gesamte „Volksgemeinschaft“ zu erreichen. Doch es lief anders als von der NS-Führung geplant: Zwar hatte man zügig die ersten Thingstätten fertiggestellt, doch welche Art von Stücken wollte man dort aufführen? Einige der ersten Initiatoren der Thingbewegung waren nach der Machtergreifung schnell abgesprungen und ins Ausland geflohen. „Viele von denen haben sich gesagt: Für die Nazis schreibe ich keine Stücke“, erklärt Samida. Übrig blieben in Deutschland nur wenige kompetente Autoren, die in der Lage waren, Stücke „für die Massen“ zu schreiben und avantgardistisch genug für die neuen Monumentalanlagen zu denken. Sie scheiterten grandios.

Thingspiele konnten die Massen nicht begeistern
  • Deutsche Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren häufig Thema der Thingspiele. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R05951 / CC-BY-SA 3.0

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Um dem Publikum die NS-Propaganda nahezubringen, bezogen sich die Autoren oft auf den Ersten Weltkrieg. Das Stück „Deutsche Passion“ zum Beispiel zeigte die Schlachtfelder Frankreichs, Massen an toten deutschen Soldaten, trauernde Mütter und einen einsamen Soldaten, der aus dem Totenreich emporsteigt. Die Wiederauferstehung des deutschen Volkes im Nationalsozialismus – so platt, so einfach. Dabei sollte das Publikum gemeinsam in chorischen Sprechspielen singen oder auf den gewaltigen Tribünen von oben nach unten oder rechts nach links marschieren. „Um eben auch performativ die ‚Volksgemeinschaft‘ zu stärken“, erläutert Samida.

  • Bei Thingspielen wie hier in der Heidelberger Thingstätte sollte das Publikum performativ bei den Stücken mitwirken. Foto: Tobias Schreiner

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Doch tatsächlich funktionierte diese plumpe Propaganda schlechter als von der NS-Führung erwartet, erklärt Samida: „Viele der Stücke waren zu einfach gestrickt, haben die Leute nicht wirklich begeistert.“ Oft sei außerdem das Wetter verregnet gewesen, die Akustik zu schlecht; Besucher berichteten, vorne weniger gehört zu haben als hinten, während die Zuschauer in den letzten Reihen besser hörten aber dafür kaum etwas sahen. „Das waren dann oft Eintagsfliegen, die nicht im Gedächtnis geblieben sind oder sogar von der Presse zerrissen wurden“, sagt Samida.

Die bereits fertiggestellten Thingstätten erzielten also nicht den von Goebbels erhofften Propaganda-Effekt. Zusätzlich wurden die restlichen Anlagen nicht schnell genug fertig – trotz ihrer im Vergleich zu heutigen Standards beachtlichen Bauzeit von wenigen Jahren. Die NS-Führung wollte mehr Menschen erreichen, und das schneller und günstiger.

Der Volksempfänger bedeutete das frühe Ende des Projekts Thingstätte
  • Joseph Goebbels besichtigt den Volksempfänger 1938 in Berlin. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-H10252 / Autor/-in unbekannt

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Als dann der Volksempfänger auf den Markt kam und für die Massen produziert werden konnte, wurde das Projekt „Thingstätten“ schnell unattraktiv. Goebbels erklärte, die Thingsplätze sollten nun „Feier-“ oder „Weihestätten“ heißen und die Städte, die die monumentalen Anlagen selbst finanzieren und bauen mussten, sollten die Stadien statt für Thingspiele nun für andere Zwecke nutzen. „Dann haben da teilweise noch Hitlerjugend-Veranstaltungen stattgefunden, aber sie wurden nicht mehr für das, wofür sie gebaut wurden, genutzt, nämlich um Theater für die Massen zu spielen“, erklärt Samida.

  • Über 400 Thingstätten wollten die Nazis deutschlandweit bauen, tatsächlich umgesetzt und bis heute erhalten sind nicht viel mehr als 40. Foto: Tobias Schreiner

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Tatsächlich ist die Geschichte der Thingstätten in der NS-Zeit eine kurze. Sie beginnt 1933 und endet 1939 mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zum Teil auch schon früher. Von den einst geplanten 400 geplanten Thingstätten wurden wenig mehr als 40 gebaut.

Keine Orte des Grauens
  • PD Dr. Stefanie Samida untersucht, wie Thingstätten seit Ende des Zweiten Weltkriegs genutzt werden. Foto: Tobias Schreiner

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Die Thingstätten der Nazis sind also keine Orte des Grauens wie Konzentrationslager oder das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, sie sind gewissermaßen Orte der Kultur – jedenfalls im Sinne der Nationalsozialisten, sagt Samida. Deshalb sei die Frage, wie die Deutschen diese Stätten nach dem Krieg nutzten, auch so spannend, weil hier viel unklarer sei, wie diese Stätten von der Bevölkerung wahrgenommen werden.

Während nach 1945 gerade von der politischen Linken die Thingstätten eher als „kontaminiert“ angesehen wurden, sahen viele Deutsche die Anlagen pragmatischer. Sie waren da, warum sollte man sie also nicht nutzen? Architektonisch beeindruckend waren die Bauten ohnehin, für Konzerte, Kinovorführungen oder andere Massenveranstaltungen sollten sie sich genauso eignen wie als Naherholungsanlagen oder Touristenmagneten. Wie also wurden diese Stätten nach dem Krieg bis heute genutzt?

Bad Segeberg – die „Erfolgsgeschichte“
  • Der Kalkberg in Bad Segeberg wird seit den 1950er Jahren direkt mit den Karl-May-Spielen in Verbindung gebracht. Foto: Karl-May-Spiele/Claus Harlandt

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„Den Kalkberg in Bad Segeberg kennt jeder. Und woran denkt man, wenn man diesen Namen hört? Klar – Karl May.“ Stefanie Samida bezieht sich damit auf die Karl-May-Spiele, die hier seit den 1950er Jahren tausenden Zuschauern die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand in spektakulären Theatervorführungen zeigen. Doch niemand denke mehr daran, dass der Kalkberg einmal die „Nordmarkfeierstätte“ war und 1937 von Joseph Goebbels eingeweiht wurde, führt sie fort. Hier habe es eine vollständige Überschreibung dieses ehemaligen NS-Propaganda-Orts gegeben; an den ursprünglichen Zweck der Anlage erinnere sich kaum jemand.

Braunschweig – der „Verfall“
  • Von der alten Thingstätte auf dem Braunschweiger Nussberg sind heute nicht mehr als ein paar Treppenstufen zu erkennen. Foto: Stefanie Samida

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Doch so wie der ehemaligen NS-Thingstätte in Bad Segeberg erging es längst nicht allen Plätzen in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Manche von ihnen sind völlig verfallen und lassen sich heute kaum noch erahnen, so wie die Anlage auf dem Nussberg in Braunschweig. Hier erinnern nur noch ein paar wenige Treppenstufen im Wald an ein Bauwerk, das einst Tausenden Besuchern NS-Propaganda-Stücke zeigte.

Borna und die „Transformation“
  • Die Thingstätte in Borna wird auch heute noch genutzt. Foto: Stefanie Samida

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Andere wurden schon in der DDR-Zeit, recht schnell nach dem Krieg, erneut zu Propagandazwecken genutzt wie die Thingstätte in Borna in der Nähe von Leipzig. Aus der ehemaligen „Stätte der Volksgemeinschaft“ der Nazis wurde der „Volksplatz“, auf dem nun das sozialistische DDR-Regime Events abhielt – von FDJ-Aufmärschen bis zu Sowjet-Armee-Darbietungen. Auch heute wird die Thingstätte noch für Konzerte und Sommerkinos genutzt.

Passau – ein „Aufbegehren“
  • Schon kurz nach Kriegsende wurde in Passau der 74. Deutsche Katholikentag veranstaltet. Foto: Stadtarchiv Passau

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Im westdeutschen Passau wurde die Thingstätte ebenfalls schnell wieder genutzt, jedoch zu einem anderen Zweck: Der 74. Deutsche Katholikentag lockte 1950 mehrere tausend Besucher und auch Bundeskanzler Konrad Adenauer auf den Georgsberg.

Auch in den folgenden Jahren besuchten viele Besucher den Thingplatz zu Musik-Festivals wie dem Passauer Pfingst-Open-Air. Hier nutzte die Jugend Passaus den Thingplatz, um bei Punk- und Rockfestivals der konservativen Stadtgesellschaft die Stirn zu bieten.

Heidelberg – „Aushandeln“ über Jahrzehnte
  • Wie sollen die Heidelberger dieses Bauwerk nutzen? Darüber wurde nach dem Krieg viel gestritten. Foto: Tobias Schreiner

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In Heidelberg, der akademischen Heimat Samidas, war der Thingplatz auf dem Heiligenberg seit Ende des Zweiten Weltkriegs Objekt regelmäßiger Debatten. Denn gerade von linker Seite hieß es, der Thingplatz sei von den Taten des NS-Regimes „kontaminiert“ und dürfte nicht einfach für Konzerte genutzt werden.

Tatsächlich wurde die Thingstätte jedoch schon direkt nach dem Krieg regelmäßig von Privatpersonen genutzt: als Naherholungsgebiet aufgrund seiner idyllischen Lage mitten im Wald auf dem Heiligenberg umgeben von zwei alten Klosterruinen. Picknicks, Camping oder Geburtstagsfeiern – die Heidelberger nutzten die Stätte von Anfang an „wild“. Andere Heidelberger Bürger missbrauchten die Stätte in der direkten Nachkriegszeit als Quelle für Baumaterialien, und brachen regelmäßig Steine aus der Tribüne zum Wiederaufbau ihrer im Krieg zerstörten Häuser.

Nach dem Krieg direkt privat weitergenutzt
  • US-Amerikanische GIs feiern mit deutschen Protestanten und Katholiken einen ökumenischen Gottesdienst. Foto: Zeitungsausschnitt, Rhein-Neckar-Zeitung, 08.04.1958

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Beschädigungen der Thingstätte selbst, Rodungen und Müll im Wald und die unregulierte Nutzung der Anlage zwangen die Stadt dazu, eine Anmeldepflicht für Veranstaltungen auf dem Heiligenberg einzuführen.

In den folgenden Jahren organisierten hier sozialistische Jugendgruppen, Pfadfinder und sogar die katholische Kirche Veranstaltungen. Besonders die in Heidelberg stationierten US-amerikanischen Besatzungskräfte nutzten die Thingstätte in ihrer Freizeit gern und organisierten ökumenische Gottesdienste zur Völkerverständigung zwischen Deutschen und Amerikanern in der ehemaligen NS-Theateranlage.

Erstes Konzert 1987
  • Das Plakat des ersten auf der Thingstätte abgehaltenen Konzerts nach dem Krieg sorgte für viele Diskussionen. Foto: Rhein-Neckar-Zeitung, 12.04.1987

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In den 1980er Jahren flammte die Diskussion um eine größer angelegte Nutzung der Thingstätte erneut auf. Zwar gab es hier wieder Gegenstimmen, auch im Gemeinderat, die eine städtisch organisierte Nutzung der ehemaligen NS-Anlage generell ablehnten, doch der Blick auf andere erfolgreich umgenutzte Thingstätten wie Bad Segeberg, wo schon seit den 1950ern die Karl-May-Spiele stattfanden, brachte die Stadt dazu, mit einem Gemeinderatsbeschluss von 1987 erst zwei und dann später vier Konzerte im Jahr auf der Thingstätte zu erlauben. Mit Organisation, Logistik und Sicherheitskonzepten auf dem schwer erreichbaren Heiligenberg wollte die Stadt aber nichts zu tun haben, sie erteilte lediglich die Genehmigung.

Ein Konzertveranstalter, der sich dieser anspruchsvollen Aufgabe annahm, wurde dann mit dem Veranstalter Hoffmann Konzerte gefunden, der das allererste Konzert – Beethovens 9. Symphonie, gespielt von der Philharmonica Hungarica, dem Beethovenchor Ludwigshafen und dem Oratorienchor Musikverein Landau – am 13. Juni 1987 organisierte.

Beschwerden über Lärm und Müll
  • Placido Domingo auf der Thingstätte Heidelberg, 1987. Foto: Zeitungsausschnitt, Heidelberger Amtsanzeiger, 09.07.1987

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Die Reaktionen der Bürger waren gemischt nicht nur aufgrund des unglücklich gestalteten Konzertplakats, das viele Heidelberger an alte NS-Propaganda erinnerte; die Großveranstaltungen mit mehreren Tausend Besuchern verursachten darüber hinaus große Mengen Müll und führten zu erheblicher Lärmbelästigung auf dem Weg zur Anlage und zurück.

Im benachbarten Stadtteil Handschuhsheim gründete sich daraufhin ein Verein, der sich den größeren Veranstaltungen auf der Thingstätte in den Weg stellte. Auch das Forstamt versuchte stets, angesichts der zunehmenden Verschmutzung des Waldes nach den Großveranstaltungen, den Events Einhalt zu gebieten.

  • Die Anwohner im nebenan gelegenen Handschuhsheim beschwerten sich häufig über Veranstaltungen auf der Thingstätte. Grafik: Tobias Schreiner, Google Earth Pro

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Doch die Stadt, die ein Interesse an der Fortführung der Veranstaltungen hatte, ließ weiterhin regelmäßig Konzerte zu – so trat hier auch die spanische Operngröße Placido Domingo auf.

Walpurgisnacht lockt Tausende auf den Heiligenberg
  • Feuerspucker bei der Heidelberger Walpurgisnacht. Screenshot aus „Fackelkinder“ (David Borymski)

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In den 1990er Jahren begannen dann jährlich in der Nacht auf den ersten Mai, Tausende Heidelberger und Menschen aus der weiteren Umgebung, sich zur Walpurgisnacht auf dem Heiligenberg zu versammeln und mit Trommlern, Jongleuren, Kleinkünstlern in den Mai zu feiern. Und das alles ohne zentrale Organisation – ungeplant und ohne Erlaubnis.

  • Nach der Walpurgisnacht wurde die Thingstätte häufig völlig vermüllt zurückgelassen. Foto: Zeitungsausschnitt, Rhein-Neckar-Zeitung 03.05.2000

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Wo schon nach dem Krieg einzelne Privatpersonen aus Heidelberg in kleinem Kreis traditionell in den Mai gefeiert hatten, trafen sich nun bis zu Zehntausend Besucher. „Die Leute sind teilweise schon mittags mit ihrem Bollerwagen voll mit Bierkästen hoch auf den Heiligenberg gelaufen und dann erst spät nachts um 3 oder 4 Uhr morgens runter. Das hat den Anwohnern natürlich nicht gefallen“, sagt Samida.

Ein Unfall beendet das „halb-genehmigte Gewährenlassen“ der Walpurgisnacht
  • 2017 wurde die Walpurgisnacht schließlich von der Stadt verboten. Foto: Screenshot, Rhein-Neckar-Zeitung

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Und obwohl sowohl das Forstamt und die Bürgerinitiative in Handschuhsheim Sturm gegen die Veranstaltung liefen, ließ die Stadt die Walpurgisfeiern auf der Thingstätte über viele Jahre geschehen. Zwar schickte die Stadtverwaltung zur Vorsicht Feuerwehr, Polizei, Rotes Kreuz und THW auf den Berg, um im Notfall schnell eingreifen zu können, hielt sich aus weiteren Regulierungen jedoch gezielt heraus. „Das war also ein bewusstes oder halb-genehmigtes Gewährenlassen“, ordnet Samida ein.

Ein jähes Ende fanden die Walpurgisnachtfeiern dann jedoch 2017 mit einem strikten Verbot der Stadt, nachdem ein 25-Jähriger nachts beim Abstieg des Berges gestürzt war und sich schwer verletzt hatte und zudem ein Waldbrand rund 3500 Quadratmeter Wald beschädigt hatte. „Das war seitens der Stadt nicht mehr zumutbar, da die Stadt, im Falle eines Unfalls haften muss“, erklärt Samida.

Wahrnehmung von Besuchern und Touristen heute
  • Die Thingstätte hat heute auf dem Reiseportal Tripadvisor Top-Bewertungen, einige Besucher erinnern auch an die dunkle Vergangenheit der Stätte. Foto: Screenshot, www.Tripadvisor.de

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Mit dem Verbot der Walpurgisnachtfeiern im Jahr 2018 endet jedoch die Nutzung der Thingstätte nicht. Sie wird noch heute aktiv als Naherholungsgebiet von Heidelbergern und Touristen genutzt. Sie halten ihre Erlebnisse und Eindrücke häufig auf dem Internetportal Tripadvisor fest, das Samida ebenfalls in ihre Untersuchungen einbezieht. Neben den Touristen, die die Stätte nur für ihre spektakuläre Architektur und schöne Lage bewundern, finden sich auch viele Einträge, die mahnend an die NS-Vergangenheit der Thingstätte erinnern. „Viele Menschen denken, dass wir eben nicht vergessen dürfen, dass diese Anlage von einem Unrechtsstaat zu Propagandazwecken gebaut wurde“, betont Samida.

Vor Ort gibt es, abgesehen von ein paar kleineren Hinweisschildern, jedoch relativ wenig Aufklärung über die Vergangenheit der Heidelberger Thingstätte. Stefanie Samida wünscht sich persönlich, dass die Stadt hier mehr darauf hinweisen würde. „Heidelberg hat besonders bei ausländischen Gästen ein positives Image. Die andere Geschichte der Stadt, und die war besonders zwischen 1933 und 1945 nicht gerade eine Ruhmestat, die kennt kaum jemand.“ Gerade die Thingstätte sei ein Ort, an dem sich diese Geschichte gut zeigen und erklären lasse.

Publikationen

Stefanie Samida, Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945: Zwischen Verfall, Aneignung und Um­deutung. In: J. O. Habeck & F. Schmitz (Hrsg.), Ruinen und vergessene Orte: Materialität im Verfall – Nachnutzungen – Umdeutungen (Bielefeld 2023) 213–226. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6222-1/ruinen-und-vergessene-orte/?number=978-3-8394-6222-5

Stefanie Samida/Ralph Höger, Dunkles und vergessenes Kulturerbe – Impulse für die Lehrerbildung. Unterrichtsentwürfe, 2021. www.hse-heidelberg.de/ressourcen-dunkles-kulturerbe

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